scholarship Kunsthalle Reusten sur Mer - Cannobio 28.2.2026-21.3.2026 mit
Simon Frisch/Weimar, Alexander Steig /München, Oliver Dressel/ Hildesheim und Daniel Schürer/Reusten sur Mer
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Mi 5.3.26
Gestern wollte ich ein Haus kaufen. Es gefiel mir irgendwie. Ich bin daran vorbeigelaufen und dachte: Das passt gar nicht zu mir, zu neu, klassisch modern, herausgeputzt und alles an seinem Platz aber seien wir ehrlich: Man darf auch mal etwas kaufen, was nicht zu einem passt, eine Verrücktheit begehen, anders sein, einfach mal überraschen, seine Frau, die Kinder, Freunde.
Stellen sie sich vor, wenn ich die Tür von diesem Haus aufmache und alle meine Lieben davor. Sie würden vom Glauben abfallen. Ich, leicht angeranzt, mit ungekämmtem Haar, Cordhose, Faltengesicht und zum endgültigen Überschnappen geht das riesige Garagentor auf, klassische Musik, gedämpftes Licht und zum Vorschein kommt: der rote Daccia Logan 1,5 MCV.
Hahahaha da würden sie lachen und sagen: das is doch wieder der danni, und wir würden uns in die Arme fallen, tanzen, den Kopf schütteln. Schnell wäre der Tisch gedeckt, Speisen aufgetragen, Weine entkorkt. Gegen 21°° würde ich den Liebsten zurufen, dass wars für mich, bleibt ihr noch, ich gehe nach oben, Zimmer findet ihr links und rechts. Leider fand ich keine Treppe, die nach oben ging. Ach ja, dieses Haus ist ja nur einstöckig, sagte ich laut, als ich zum 5 Mal an der Gesellschaft vorbei ging.
Alle lachten wieder und so setze ich mich eben hin.
Welch schöne Vorstellung aber es galt noch verschiedene Probleme zu lösen:
Eines war, dass das Haus gar nicht zum Verkauf stand, also ging ich gleich hin und klingelte. Pronto kam aus der Bang & Olufsen Sprechanlage und heißt so viel wie Ja Hallo.
Buongiorno, mi chiamo Schürer, D. Schürer, e vorrei comprare la vostra casa, solo per divertimento, per fare una sorpresa ai miei cari, per così dire.
Come, non l'ho capito bene.
Buongiorno, mi chiamo Schürer, D. Schürer, e vorrei comprare la vostra casa, solo per divertimento, per fare una sorpresa ai miei cari, per così dire.
Molto divertente, hahahah. La casa non è in vendita. Boungiorno!
Ok, ok, ho capito, ma se lo vendete, fate un passo al Bergcafe, ok?
Offensichtlich hatte er aufgelegt. Schnell schrieb ich noch den Sachverhalt auf eine Karte, mit besten Grüßen D. Schürer.
Ich kann mich auch von Vorhaben verabschieden, wenn es die Umstände wollen
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Mi 4.3.2026
In Cannobio schneit es. Nicht.
Die italienische Fahne weht im Wind, was sollte sie auch sonst tun, Spaghetti kochen kann sie nicht. Menschen laufen leicht eingefroren die Hafenpromenade entlang, Cannobio liegt in dieser Jahreszeit ab 14 Uhr im Schatten, Sonne gibt es auf der anderen Seite des Sees, dafür satt.
Unter mir laufen Hunde Schlittschuhe, manche graziler, andere plumper. Hier scheint es ein Nest davon zu geben, an den Zäunen hängen Schilder, die einen auffordern, auf Hunde zu warten. Als ob der Mensch nichts Besseres zu tun hätte, als auf Fuß lahme Hunde zu warten.
ATTENTI AI CANE in Französisch wohl so etwas wie: ATTENDS LES CHIENS.
Interessanterweise scheinen Dobermänner und Deutsche Schäferhunde besonders häufig von diesem Laster befallen zu sein, während auf den Straßen eher kleine, braune Pudel oder rumänische Flüchtlingsmischlinge zu sehen sind.
Als wir hier mit 6 Jahren durch die Dörfer strichen, kam es des Öfteren vor, dass uns aus dem Nichts ein riesiger Köter ansprang, glücklicherweise war ein Zaun oder eine Tür dazwischen. Der Puls schoss nach oben, knallte gegen den Mond und segelte langsam in unser kleines Herz zurück. Ein andermal stand ein schwarzgrauer Hund mitten auf unserem Weg, manche verzogen sich, wenn man so tat, als ob man einen Stein aufheben wollte. Dieser nicht. So gingen wir langsam zurück und nahmen einen anderen Weg, nur stand nach wenigen Minuten dieser Hund erneut da, fast bewegungslos, starrte er uns an.
Wir machten wieder kehrt und wartenden eine halbe Ewigkeit, gingen zurück zum ersten Weg, bewaffnet mit zwei Stöcken, langsam, Schritt für Schritt, nur keine Hast, nicht in den Hinterhalt geraten, gegenseitig Deckung geben - kein Hund, kein Gegner-
Helden waren geboren.
Heute, keine 54 Jahre später war ich wieder da, langsam schlenderte ich durch die enge Gasse, der Hund hatte aufgegeben – Feigling
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Dienstag 3.3.26
Italien streikt. Nicht überall und immer aber partiell und aktuell. So müssen den Kollegen Frisch, Steig und Dressel alternativrouten aufgezeigt werden, abseits von Bus und Bahn um die letzten Kilometer von der sicheren Schweiz in das benachbarte Italien zu absolvieren.
Brissago eignet sich da Besten. Es ist die letzte Stadt in der Schweiz Richtung Cannobio und war schon nach dem italienischen Waffenstillstand mit den Alliierten am 8.9.1943 das Ziel von vielen tausend Flüchtlingen, in dem Fall andersherum, von Italien in die Schweiz. Sie hatten berechtigte Sorge um ihr Leben, da die Deutschen den abtrünnigen Partner des Hochverrats bezichtigten. 50 000 Zivilfüchtlinge nahm die Schweiz auf, darunter 20 000 Menschen jüdischen Glaubens, viele wurden aber auch abgewiesen, darunter 16 000 Visagesuche...„In moralischer Hinsicht bleibt das Problem der Nichtanerkennung der Judenverfolgung als Asylgrund und ihrer Rückweisung im Wissen um ihre akute Bedrohung an Leib und Leben dasselbe – unabhängig davon, ob es um einige tausend oder um 20.000 zurückgewiesene Juden ging.“(G. Spuhler). Der Bergier-Bericht ist da sicherlich für den interessierten Leser weiterführend.
Zurück zu Frisch, Steig und Dressel, die im Laufe der nächsten Tage nacheinander hier eintreffen sollen. Unser Vorschlag sollte pragmatisch, kostengünstig und den Hauch von Abenteuer verströmen.
Dieses waren die vorgeschlagenen Parameter: Leichtes Gepäck, 30 minütiger Versuch des Trampens, dann die 7,3km Distanz zwischen Brissago und Cannobio, der Seestraße entlang marschieren. Selbst sind wir diese viele Male 1971/1972 gelaufen, mein Bruder und ich um uns an der Grenze die weiße Luftschokolade von Rayon zu kaufen, balancierend auf der Straßenmauer, wir werden sehen, wie die Kameraden ankommen, denn heute ist der Himmel blau, die Sonne voll und auf der gegenüberliegenden Seeseite fährt der Italienisch/schweizer Zug Richtung Luino.
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2.3.2026
Der Nebel hat sich nicht gehoben, dafür regnet es jetzt.
Ein munteres Miteinander, während Möwen sich das Spektakel von den Pfählen im See anschauen.
Ein Auto fährt an der Uferpromenade vorbei, ein Ereignis. Wie abgesprochen fährt auf dem See ein graues Schnellboot, Guardia di Finanza e Fronteira, wie vor 55 Jahren ein Spektakel.
Nie habe ich sie schnell fahren sehen, einschüchternd genug die geballte Kraft der zwei Rolls Royce Innenbordermotoren. Heute hängen zwei Mercury Außenborder dran, 2 x 300 PS, wahrscheinlich auch wirksam.
Während mich mit 5 Jahren dieses Wetter am Logo Maggiore zermürbte, weil es nicht aufhören wollte, ist es jetzt mehr Vergnügen. Sitze am Hafen, im ersten Stock einer Behausung, schaue auf den See, auf die wenigen Boote, die einer Aufgabe enthoben sind. Sie schaukeln, mal nach links und mal nach rechts, tun sie das nicht, stehen sie scheinbar still. Alle Stunde läuft ein Regenschirm vorbei, unter dem Fenster an der Uferpromenade, da wo sich im Sommer die Menschen bis zum Himmel stapeln.
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1.3.2026
Kaum sichtbar, dabei mitten auf der Wand.
Waren die anderen Deutschen wieder am Werk. Hauptsturmführers Hans Clemens, bekannt unter dem Spitznamen «Tiger von Rom und Como" kam zur Vergeltung aus Luino und gab sein Bestes. Er reüssierte nach dem Krieg als russischer Agent unter alten Kameraden in Deutschland, flog auf und kam dafür 1963 für 5 Jahre ins Gefängnis. Er starb eines natürlichen Todes 1978 in der Kurstadt Bad Kissingen. Geschichten die sich niemand wünscht, die zum Kotzen sind, wären sie über allem nicht so endlos traurig.
Ich werde mich morgen über die getöteten Partisanen erkundigen, über die kaum mehr als eine Zeile im weltweiten Netzt steht, denen nur ein altes Schild an einer alten Mauer das völlige Vergessen vorenthält...il popola di cannobio nel nome dell´ italia libera
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28.2.2026
Wann geht die Reise los?
Natürlich irgendwann bei der Ortsfindung, bei der Festlegung des Ziels, bei der verbindlichen Buchung aber das meine ich nicht.
Wann fühlt man die Reise?
Ich am Tag davor. Schaff ich das oder misslingt mir unterwegs die halbe Geschichte, vergessene Fahrkarte, verspäteter Zug, falsches Datum.
Um 5 Uhr bin ich aufgewacht, angezogen, letzte Sachen verräumt, dann mit Koffer und Rucksack auf meinen Weg gemacht, 30 Minuten über die Felder zu Ammertalbahn. Ich bin früh dran, sehe den Vorgängerzug von hinten, es ist frisch. Die Zürchverbindung klappt, sitze erstklassig, eine Frau erfragt meinen Kaffeewunsch, die Reise beginnt Teil 2.
Wo reise ich eigentlich hin? Was will ich da und warum?
In Zürich fehlt mein EC und ich darf mit dem IR nach Cadenazzo fahren, die schönere Strecke, durch die Städtchen und Berge um den Gotthard, zur Linken eine junge Lokomotivführerin, die mir berichtet, dass es eine Zuleitung mit Sand zu den Rädern gibt, falls sie durchdrehen aber alles hat seinen Preis, hier ist es Zeit. Eine Stunde später treffe ich in dem besagten Cadenazzo ein, den Zug nach Luino sehe ich von hinten. Ich warte und heißt reisen nicht auf Rätoromanisch warten?
Luino zeigt mir die Sonne und ein wildes Schauspiel von röhrenden Tourenwagen, während im Hintergrund der See glänzt, darauf mein Schiff nach Cannobio, von hinten.
Die Schlüsselübergabe zieht sich hinaus, die wartende Angestellte in Cannobio wird ungeduldig, wer kann es ihr verdenken? 3 Stunden später und sie reist nicht.
Zu guter Letzt auf dem Schiff, 5 andere Fahrgäste, ich und ein Hund. Nebensaison. Eine junge Frau mit schwarzen Haaren erwartet mich, fällt mir um den Hals, küsst mich. Ich erwehre mich dieser unbekannten Tradition, wir kämpfen, ringen uns zu Boden - Cannobio, Cannobio bitte alle aussteigen- war wohl kurz eingenickt und doch erwartet mich eine Frau mit roten Haaren und nur teilweise guter Laune. Sie zeigt mir die Wohnung, die ich von Bildern kenne, sie anscheinend nicht. Wir verabschieden uns-ich hab’s geschafft.
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