Öffnungszeiten Fr-So 10°°-20°°

scholarship Kunsthalle Reusten sur Mer - Cannobio 28.2.2026-21.3.2026 mit
Simon Frisch/Weimar, Alexander Steig /München, Oliver Dressel/ Hildesheim und Daniel Schürer/Reusten sur Mer

DIARIO

Sabato 21.3.2026  Rückreise

Das Gehirn eines 5- bis 6-jährigen Kindes erreicht etwa 90 % seiner Erwachsenengröße, wobei die Vernetzung stark zunimmt. Es ist eine Phase der Reife, in der logisches Denken, Selbstbeherrschung und soziale Fähigkeiten wachsen
Förderung: Langeweile gilt als wichtiger Baustein zur Kreativität, da sie das Kind zur Selbstorganisation anregt so die KI.
Manche Kinder sind motorisch vorsichtiger oder konzentrieren sich auf andere Fähigkeiten wie Sprache, können dann erst später stehen KI
Diesen Prolog darf ich voranstellen: Ich selbst habe mich spät zum stehen entschlossen, dafür war ich ein großer Grabler, ich Grabbelte schnell und zielstrebig. Die Sprache ließ ich erstmal auch außen vor, ich hatte ja das Grabeln, Kernkompetenzen ausbilden hieß meine Devise, sich konzentrieren, nicht in zu viele Fähigkeiten verlieren. Erst als ich nur noch Hunde grabeln sah, bewegte ich mich nach oben. Ja ich stand. Alleine, sicherheitshalber setzte ich mich gleich wieder hin, aber der erste Stand war gemacht.
Warum ich darauf komme? Ich frage mich, warum bin ich so, wie ich bin. Ich lege hier den Fokus auf die Zeit in Italien, zwischen 5 und 6 Jahren. Ich konnte mittlerweile gehen und auch in relativ ganzen Sätzen sprechen. Soweit ich mich erinnere, lachte oder lächelte ich viel, schien für mein Alter durchaus empathisch und war auf Grund von äußeren Umständen häufig allein. Allein sein empfand ich als schwierig, man wusste mit 5 Jahren nicht so richtig was tun, alleine, also erfand man Spiele und bekämpfte die Weile damit, manchmal sehr lang. Ein Andermal fand man einen Kindskollegen zwischen den Häusern, nicht immer sprach man die gleiche Sprache, nicht immer wollte es spielen. Mein Bruder Christoph war auch noch mit mir in Italien und gab mir Rückhalt. Er war schon 10 Jahre und hatte an seinem eigenen Leben zu arbeiten, doch immer wieder fanden wir Ziele, die es zu nehmen galt. Da war zum Beispiel die Schweizer Grenze, die 3km von uns entfernt war. Wir hatten 5 Franken in der Tasche und liefen die Straße entlang oder balancierten auf der Straßenmauer, nur um eine Schokolade zu kaufen. Die Straßen sind am Logo Maggiore schmal und die Mauern fallen tief ab, in den See.
Ein andermal trämpte ich von der Schule zurück zur Oma, also von Locarno nach Nizzolino. In der Regel fuhren wir gemeinsam erst mit dem Bus nach Brissago, dann über die Grenze mit einem anderen, italienischen , in blau oder eben andersherum aber nicht immer kamen die Busse, oder mein Bruder hatte noch mit einem Schulfreund etwas vor. Also stellte ich mich mit 6 Jahren an die Straße und hielt den Finger raus. Immer waren alle freundlich, nie stand ich lange, nur ein einziges mal hielt ein Opel Admiral (in Autos kannte ich mich aus) der mich direkt zur Polizei nach Brissago fuhr. Er hatte sicher Angst um mich und erklärte dem Polizisten den Sachverhalt. Ich wollte meiner Oma dagegen keinen Ärger machen und rannte aus dem Revier, durch die kleinen Straßen, bloß weg....Wenn ich an diese unbedeutenden Vorkommnisse denke, fühle ich mich immer noch weit von der Erkenntnis, warum ich bin wie ich bin, aber ich lächle und freue mich um das Spiel der Annäherung, balanciere ohne 5 Franken in der Tasche zu meiner kleinen Vergangenheit.

Venerdi 20.3.2026

In unserer Familie gab es sicher in den Kindertagen einen Fotoapparat, aber soweit ich die Ausbeute an Erinnerungsfotos sehe, hat ihn keiner Benutzt. Dabei spielt es keine wesentliche Rolle ob man Erst-, Zweit- oder Drittgeborener war. Die Wenigen, die es gibt, zeigen häufig ein Kleinkind, dass wahrscheinlich einer von uns war. Deshalb hat es mich gewundert, als ich vor vielen Jahren dieses in meinen Unterlagen fand. Es zeigt offensichtlich mich mit meiner Beute, drei größere Jungs, eine Frau, ich, blau geringelt, stolz und erfreut vom Leben. Wie anderswo geschrieben: manche Spielpartner fand ich zwischen den Steinen, zumeist war es nur eine kurze Bekanntschaft, da sie entweder nicht hier wohnten oder nur in den Ferien Vorort waren. An diese drei Burschen erinnere ich mich leider nicht mehr. Sie müssten ein wenig älter heute sein, die Dame könnte auch noch leben. Ich könnte mich ja mal auf die Suche machen, sicherlich kamen sie aus Cannobio oder Sant Agatha. Entschuldigen sie, aber ich hätte eine Frage: Kennen sie diese Personen auf dem Bild, es ist ungefähr vor 54 Jahren gemacht worden? Ja lassen sie mal sehen: Klar, der im geringelten ist der Schürer, ein Deutscher, links davon ist Dona Margaritta, sie ist leider vor zwei Jahren verstorben, dann Roberto, ihm gehört die Autowerkstatt in Traiffiume, Claudio, er hat gestern seinen dritten Enkel bekommen und Alessandro, er ist Koch in der Höhle der Wölfe, einer guten Pizzeria. Ich bedanke und denke mir leise: Einfach mal fragen, es kostet ja nichts.

Venerdi 20.3.2026
Ich sitze am Tisch, heute mal am Kopf, keiner mehr da.
Nachdem Simon Frisch, Alexander Steig und Oliver Dressel sich hier verschiedenen Aufgaben hingegeben haben, bin ich jetzt allein. Wer aus einem gewissen Trubel in die Stille fällt, der fühlt die Ruhe doppelt. Da heißt es kurz verharren, sammeln und einen neuen Rhythmus finden. Der Eine schläft, die Andere genießt, dem Dritten fällt die Decke auf den Kopf. Ich nehme mir also vor, zu einem ehemaligen Kurbad zu gehen, mit einem verschwundenen Kurhotel aber noch in Takt befindlichen Heilquellen - Acqua Carlina, die gleichermaßen Cannobio mit Hahnenwasser versorgen. Der Weg führt mich am Fluss entlang, ein paar leerstehende Häuser, ein Industriegebiet, keine Ahnung wo es lang geht aber zumindest das weiß ich. Ich laufe weiter und stoße auf Camping Romantica, die Cannobina schlängelt sich drum rum, ein Freibad, hohe Bäume und dahinter das Kurhotel besser, da stand es vor 150 Jahren. Heute ist es eine kleine Park Oase mit fließend Wasser. Verweile, probiere das Wasser und bewege mich zur Bar Industria im gleichnamigen Viertel. Eingeparkt von Autos, der Auspuff Richtung Eingang sitzen 5 fünf Jungs in meinem Alter an einem Tisch und spielen Karten, 4 andere stehen drum herum und geben kluge Ratschläge am Ende jedes Spiels. Trinke den besten Cappuccino seit Anfang der Reise, einen Sprudel und ein kleines Glas Weißwein. So ausgestattet beobachte ich den Spielverlauf, dass auf und ab der Spielergesellschaft. Zwei gegen zwei. Claudio ist die graue Eminenz, ein Jüngerer links von ihm hat die Arschkarte, er wird belehrt und beschimpft. Aus dem Inneren des Cafés kommt ein Duft aus alten Tagen, Schokolade mit Café. Das Gedächtnis schlägt kapriolen und freut sich über das Wiedererkennen. Ich mich auch. Ich bezahle und gehe beflügelt von diesem wundersamen Ort. Ermutigt von dieser Erfahrung kaufe ich 1000m weiter bei einem kleinen Laden ein. Es ist viel schwerer in einem kleinen Lebensmittelladen einzukaufen, als in einem Supermarkt. In dem einen nimmt man an die Paradigmen zu kennen, in dem anderen ist man sich unsicher. Die Dame ruft von weit hinten Buon Giorno, ich warte auf sie, aber vielleicht muss sie sich noch zu Recht machen. Ich nehme einen kleinen Fenchel, eine Butter und ein Bier. Da kommt sie um die Ecke, kräftig, blond und in ähnlich jugendlichem Alter wie ich. Non sanno leggere: vietato il self-service. Unter den Kartoffeln schaut ein Schild hervor, in drei Sprachen ist Selbstbedienung verboten. Non ho visto quel cartello, mi dispiace. Hab ich nicht gesehen, Entschuldigung aber sie scheint nicht so gut zu sprechen zu sein, auf Touristen mit einem italienischen Haarschnitt. Wer kann es ihr verdenken, sie ist bestimmt keine Gewinnerin des Reisebooms.
Sitze noch immer am Kopf vom Tisch, vor mir Kerzen, das Fenster, der Lago, das Wasserkraftwerk. Die Reise geht zu ende

Gioverdi 19.3.2026

O. Dressel ist heute abgereist, 8:20 mit dem Schiff Cerbiato/Rehkitz. Zuerst nahm er die Richtung Locarno, wendete und fuhr nach Luino. Jetzt wird er wohl schon im Zug nach Basel sitzen. Gute Reise und danke für den Aufenthalt
Hier mehren sich die Touristen, die Barjalousien sind aufgezogen, erste Weine oder Aperitivos finden ihre Abnehmer, die Kirchenuhr zeigt 9:30. Einheimische sitzen neben Touristen, italienisch ist in den frühen Morgenstunden noch Verkehrssprache. Der Zauber des Morgenlichts ist vorbei, das Sonnenlicht wird gewöhnlich. 2 Stunden haben die Menschen noch um hier an der Hafenpromenade etwas zu sich zu nehmen, dann verschwindet die Wärme und damit die Gäste. Hunde stehen an für Hundekuchen, Besucher schleichen um Speisekarten, frisch gewaschen Haare liegen auf den Köpfen und die Menschen werden mehr.
Wer auf den Balkonen sitzt, scheint für die Passanten unsichtbar, nur sitzt niemand hier auf den Balkonen. Einer klebt schöner als der andere an den Häusern, ähnlich eines Adlers sitzt der Mensch in seinem Horst, schaut runter und wundert sich, dass kein Blick nach oben gleitet. Er ist beruhigt, weil anders wäre es schwer erträglich, zu nahe käme einem die Flaneure.
Wenn die Sonne scheint, ist die Aussicht ähnlich wie die auf einer Postkarte, schön und sehr schön, regnet es dagegen, kommt es einem vor wie in einem Film, indem nichts passiert, außer das es regnet und das 109 Minuten lang.
Vom Balkon ist der Blick in den Regen beeindruckender, ich gebe aber gerne zu, ich sitze bei vollen Bezügen, sprich die Sonne wärmend im Rücken

Giovedi 19.3.2026

Gestern bin ich über ein altes Kloster gewandert, zuerst nicht bewusst, denn es war schon in den Weg getrampelt und stammte aus dem 13. Jahrhundert. Zudem war es sehr klein, nur 3-4 Brüder fanden sich ein, zum Beten und zum Arbeiten. Nun spricht mich so etwas natürlich gleich an, denn bin ich doch selbst einziger Bruder meines eigenen Klosters - Mosteiro Schuerer - und sehe mich sozusagen als Kollege an. Aus reiner Vorsorge rief ich mit tiefer Stimme in den Wald: Miei cari fratelli, dove siete? Ecco un collega. .....Nur Vögel zwitscherten und Wind säuselte, in der Ferne konnte man eine Kettensäge hören. Das konnten sie nicht sein und lächelte ein wenig über den eigenen Witz. Bekannte machen sie manchmal über mein kindliches Gemüt lustig aber es lebt sich leichter, mit einem Lächeln zwischen den Ohren, mit Nachsicht über den eigenen Humor. Mosteiro Schuerer ist ein Kunstprojekt nichtkonfessioneller Art und keine Mosterei, wie manche schwäbischen Freunde meinen. Bald schon zeigen wir den Klosterschatz in der Kunsthalle Reusten sur Mer, sicherlich ein kulturelles Ereignis zum Vormerken. Jetzt bin ich aber noch in der Wohnung, höre das beruhigende Kleppern der Cafetassen im Untergeschoss, die Sonne britzelt auf den See, ein Lachen, ciao, ciao, ciao, tutto a posto - ja ich bin hier beliebt, man kennt mich, stehe vom Sofa auf, schaue raus - galt wieder nicht mir.

Giovedi 19.3.2026

Unsere Herberge liegt im ersten Stock, wir haben einen Balkon und bei gutem Wetter sitzt der Stipendiat darauf. Die Zeit, die er das tut ist gebunden an seine Sonnenverträglichkeit. Mir persönlich wird es schnell zu heiß, aber das wird sie nicht interessieren. Unter uns ist ein Café, heute noch wenig besucht. Die Kreativen sind häufig ein lästiges Volk, sie rennen überall der Muse nach und wenn sie dann in Ihr auf die Inspiration treffen, ballern sie los. Sie wissen einfach nichts anderes zu tun. Schauen sie: Da sitzt der Schürer, hat einen Café auf dem Arm, blickt ins Blaue, also auf den See, wird beschienen von der Sonne. Plötzlich holt er aber seinen Fotoapparat, schon lange nutz er ihn nur noch sporadisch, fährt das Teleobjektiv aus, immer weiter, fasst schubst er die Cafehausbesucher vom Stuhl, inkognito und von oben, drückt ab, lächelt in sich hinein, wieder ein Meisterwerk der Kunstgeschichte.
Selbige hat es natürlich nicht begriffen, ist an einem ganz anderen Ort, gammelt in Museen und anderen Kunstzentren, ist müde und schläfrig, wer kann es ihr verdenken nach 65 000 Jahren.

Mercoledi 18.3.2026

Der Alltag holt mich ein. Um den baldigen Wiedereintritt in das Kunstprojekt Bergcafe zu gewährleisten, gilt es Eckpfeiler des Betriebs zu überprüfen und in Stand zu setzen. Uns ist eine Mülltonne im Februar abhandengekommen. Sie war unabgeschlossen am Straßenrand gestanden und wartete auf Entleerung und das in Reusten, einem kleinen Dorf im Süden von Deutschland, die mit 23,9% AFD und 42,3 Grüne Wählern eine illustre Gemeinschaft bildeten. Natürlich bin ich gleich zu dem ungekrönten König dieser AFD Gemeinschaft gegangen, wollte wissen, ob sie vielleicht etwas über den Verbleib wüssten. Was sollten sie denn mit einer vollen Mülltonne machen, erwiderte er mit einem gutmütigen Lächeln. Ja das wüsste ich auch nicht, aber sie hätten ja manche Ideen, die sich mir nicht erschlossen. Daraufhin schrieb ich dem Abfallwirtschaft Betrieb Tübingen den Sachverhalt in sein Kontaktformulare, am Ende gab es noch eine Matheaufgabe zu lösen 1² - 1 =......, Ambitioniert, überlegte kurz, schrieb siegesbewusst 0 in das Kästchen. Ihre Anfrage kann leider nicht bearbeitet werden, da die Rechenaufgabe falsch gelöst wurde. Tolle Idee, was eröffnet dieses Vorgehen wie neue Möglichkeiten - ∛384 + ⅞:¥ - 635 =.....Ihre Anfrage kann leider nicht bearbeitet werden, da die Rechenaufgabe falsch gelöst wurde. 1²-1=11. Eine freundliche Mitarbeiterin ruft mich an und sagt, wahrscheinlich sei die Tonne samt dem Inhalt in das Müllauto gefallen, sie schicken mir eine Neue. Bin ich tatsächlich nicht daraufgekommen, aber auch eine interessante Lösung, Einmalmülltonnen.
PS: Tübinger Abfallwirtschaftsbetrieb hat sich gemeldet, beide Tonnen wurden in den letzten Tagen geleert. Das könne nicht sein, so ich und wir forschten nach. Jede Leerung wird einer bestimmten Tonne und einem bestimmten Ort zugeschrieben, ist nachweisbar und ohne Fehler. Unsere Tonne ist im Mühlwaldweg / Kirchentellinsfurt, 19,1 km von ihrem angetrauten Stammplatz entfernt, 4:17 zu Fuß, und mit einer vollen Tonne vielleicht 9 Stunden. Hier wird mir klar, dass Armut nicht nur in anderen Ländern vorkommt, sondern unmittelbar vor unserer Haustür. Die Dame sagt mir noch, dass dies ein Einzelfall in ihrem Berufsleben sei, aber fängt irgendetwas nicht immer mit dem ersten Mal an. Ich nehme mir fest vor diese Favelas hinter Tübingen zu besuchen, den Mühlwaldweg insbesondere und soweit ich kann, mich der Not entgegenzustellen.
PSS: Der Abfallwirtschaft Betrieb erlässt mir die Kosten der Leerung und fordert auch nicht von den Mühlhaldwegbewohnern die Tonne zurück. Wir Menschen rücken zusammen, wie schön.

Martedi  17.3.2026

Wir schreiben Samstag, Oliver Dressel, der letzte Gast für dieses Stipendiatenprogramm 2026 der Kunsthalle Reusten sur mer hat sich um 2°° Nachts auf den Weg gemacht.

Er kommt aus Hildesheim und Cannobio zieht sich warm an. 5° Celsius wollen ihn Empfangen, tiefer Nebel und kontinuierlicher Regen. Autos pflügen durch die Hafenpfützen, Schiffe tagten den Tag. Eine Wanderung nach San Bartolomeo wird verlegt.
Wir leihen uns ein Ruderboot, ein schwerer Kahn aus Holz. Den Bootsvermieter müssen wir aus seinem Privathaus klingen: Entschuldigen sie uns aber wir würden gerne ein Boot mieten. Plem Plem es regnet doch. Macht doch nichts!
Alexander Steig rudert zuerst. Nach zwei, drei Manövern, hat er alles im Griff. Ich bin erstmal Steuermann und wir einigen uns auf das Ziel: Wasserkraftwerk Roncovalgrande, gerade gegenüber von Cannobio mit einer bisherigen Gesamtkapazität 131.1 Gigawatt, drunter machen wir es nicht.  A. Steig trotzt dem starken Regenschauer mit gleichmäßigen Ruderschlägen, ich schöpfe das Regenwasser aus dem Boot. Wir ziehen die Kleider aus, weil sie eh nass sind, Wasserkaskaden rinnen an unseren Haaren in den Lago, wir lachen, ja so eine Seefahrt, die ist lustig, so eine Seefahrt die ist schön. Hinter mir Gebrüll, haha, ihr Seeungeheuer könnt uns gar nichts, strecke den Mittelfinger in die Höhe und schreie: Freiheit heißt: koa Angst ned hobn, ned vor nix und ned vor irgendwem. Attenzione, attenzione, qui parla la guardia costiera, fermatevi immediatamente. Es war die Küstenwache mit einer ihrer Schnellboote, 600 PS. Ein Blick in Steigs Augen sagt mir, dass er die Flucht für aussichtslos hält also flüchteten wir nicht. Stattdessen stehen wir auf, nackt, bis auf die Socken. Sie werfen uns ein Handtuch rüber, ich werf es wieder zurück. Mit grandezza dem Untergang entgegen. Dieses Schauspiel des Handtuchwerfen wiederholt sich noch einige Male, begleitet von bösartigen Verwünschungen der Polizisten...Steig rüttelt mich und fragt mit einem Lachen, was ich da auf dem Sofa mit meinen Händen rumfuchtelte?
Das Handtuch fangen, ....als ich merke, dass ich schon zuhause auf dem Sofa lieg. Wie kam ich her, wer hat mich hingelegt, trockene Kleider angezogen. Dankbar umarme ich Steig.

Lunedi 16.3.2026 II
Heute ging ich mit dem Stipendiat Dressel nach Sant Agata, es ist Sonntag und die Vögel singen in den Bäumen. Sie kennen mich schon, da ich fast jeden Tag an ihnen vorbei hechle, einmal alleine und dann mit jedem Stipendiat die ähnlichen Runden. Klosterbrüder sind bekannt dafür, dass sie Rituale schätzen, sie strukturieren den Tag, nehmen Ängste, gleichermaßen fördern sie das Gemeinschaftsgefühl. So gehe ich voran, erzähle, höre zu, dem Stipendiat und den Vögeln. In diesem Sinn gleicht kein Weg dem Anderen, auch wenn man 4o mal den scheinbar gleichen Weg geht, gibt es oft unbekanntes zu entdecken, nicht so sehr in meiner Rede, nicht so sehr im Weg selbst, aber in der von den Vögeln, den Pflanzen und dem Gast. So nahmen wir wieder den Weg nach Sant Agata, 12 000 Schritte die Runde, oben war Schnee, das Restaurant geschlossen, der Friedhof geöffnet. Alle hatten schöne Bildchen von sich an ihren Gräbern, manche sahen grob aus, andere herzlich, lieblich zart, verstohlen, aufregend, benommen, weise, gemein, sexy, stark, satt, ergeben, erhaben, einsam, fröhlich, gütig, nachlässig, zwiespältig, argwöhnisch, überrascht, wieder andere wieder anders.

Lunedi 16.3.2026 I

Die 24 Stunden Regen von Cannobio und wenn ich sage Regen, dann sind das dicke Tropfen, die 100m höher in Schnee runterkommen. Der See ist bedeckt mit grau-weißen Wolken, 17:10, ein weißer Zerstörer pflügt durch den Lago, ganz klein aber sichtbar. Darauf muss Dressel sein, O. Dressel, Schauspieler, Regisseur, Tänzer und Kunstpreisträger 2025/Hildesheim. Seit 16 Stunden unterwegs, nass und wahrscheinlich einziger Fahrgast des Schiffes. Steig und ich bilden das Empfangskomitée, halbtrocken erweisen wir ihm an Hafen die erste Ehre, führen ihn zu unserem Quartier. Eine heiße Nudel, ein kaltes Bier und trockene Kleidung - das Himmelreich.
Der Abend verläuft familiär, wir stoßen auf vergangene Abenteuer, gewonnene Spiele, verlorene Zweikämpfe-draußen jagen Tropfen Flocken und Menschen nichts. Keiner da, weit und breit.
Die Nacht nutzen wir zum schlafen, für die einen langweilig, für uns erholsam. Dabei halten wir alle drei die Augen geschlossen, eine Besonderheit, die vielleicht dem gemeinsamen Studium geschuldet ist. Um 6°° Uhr beginnt der Tag, A.Steig wird abreisen, die Wellen schlagen hoch. Diese sind es dann auch, die den Schiffsverkehr zum erliegen bringen und so muss der zweite Stipendiat Alternativen suchen. Busverkehr gibt es Sonntags keinen, Taxi ist langweilig also bleibt das Gehen oder Trampen. Wir entscheiden uns für das Letzte, schminken ihn ein wenig, schneiden die Jeans ganz knapp unter den Pobacken ab, Sonnenbrille, die Wanderschuhe....wäre doch gelacht. Kaum 30 Minuten später bekommen wir einen Anruf, er ist in Locarno angekommen und bester Gesundheit - Das Leben abseits von Medien, Markt und Medienmarktmacht


Domingo 15.3.2026

Aus gegebenem Anlass: Bonustrack aus dem Jahr 2005 TONER/Begleitbrief des Kunstvereins Via113 - Objekt Trouvé/ Funkspruch, eher Fake aber schön, von 1997 anscheinend zwischen Galiziern und Nordamerikanern - zur Freude für sie und auf Wunsch von C. von Lerchendorff hier nochmal angeführt


Galicier: (Geräusch im Hintergrund) … Hier spricht A 853 zu Ihnen, bitte ändern Sie Ihren Kurs um 15 Grad nach Süden, um eine Kollision zu vermeiden! Sie fahren direkt auf uns zu, Entfernung 25 nautische Meilen.
Amerikaner: (Geräusch im Hintergrund)… Wir raten Ihnen, Ihren Kurs um 15 Grad nach Norden zu ändern, um eine Kollision zu vermeiden.
Galicier: Negative Antwort! Wir wiederholen deshalb: Ändern Sie ihren Kurs um 15 Grad nach Süden, um eine Kollision zu vermeiden!
Amerikaner: (eine andere amerikanische Stimme) Hier spricht der Kapitän eines Schiffes der Marine der Vereinigten Staaten von Amerika zu Ihnen. Wir beharren darauf: Ändern Sie sofort Ihren Kurs um 15 Grad nach Norden, um eine Kollision zu vermeiden!
Galicier: (mit Bestimmtheit) Dies sehen wir weder als machbar noch als erforderlich an; deshalb empfehlen wir Ihnen nochmals, Ihren Kurs um 15 Grad nach Süden zu ändern, um eine Kollision zu vermeiden!
Amerikaner: (stark erregter, befehlshaberischer Ton) Hier spricht Kapitän Richard James Howard, Kommandant des Flugzeugträgers „USS Lincoln“ von der Marine der Vereinigten Staaten von Amerika, das zweitgrößte Kriegsschiff der nordamerikanischen Flotte! Uns geleiten zwei Panzerkreuzer, sechs Zerstörer, fünf Kreuzschiffe, vier U-Boote und mehrere Schiffe, die uns jederzeit unterstützen können. Wir befinden uns in Kursrichtung Persischer Golf, um dort ein Militärmanöver vorzubereiten und im Hinblick auf eine Offensive des Irak auch durchzuführen. Ich rate Ihnen nicht, ich befehle es Ihnen, Ihren Kurs um 15 Grad nach Norden zu ändern! Sollten Sie sich nicht daran halten, so sehen wir uns gezwungen, die notwendigen Schritte einzuleiten, die erforderlich sind, um die Sicherheit dieses Flugzeugträgers und auch die dieser militärischen Streitmacht zu garantieren. Sie sind Mitglied eines alliierten Staates, Mitglied der NATO und somit dieser militärischen Streitmacht. Bitte gehorchen Sie unverzüglich und gehen Sie uns aus dem Weg.
Galicier: Hier spricht Juan Manuel Salas Alcántara. Wir sind zwei Personen. Uns begleiten unser Hund, unser Essen, zwei Bier und ein Mann von den Kanaren, der gerade schläft. Wir haben die Unterstützung der Sender Cadena Dial von La Coruña und Kanal 106 als Maritimer Notruf. Wir fahren nirgendwo hin, da wir mit Ihnen vom Festland aus reden. Wir befinden uns im Leuchtturm A-853 Finisterra an der Küste von Galicien. Wir haben eine Scheißahnung, welche Stelle wir im Ranking der spanischen Leuchtturme einnehmen. Und Sie können die Schritte einleiten, die Sie für notwendig halten und auf die Sie geil sind, um die Sicherheit ihres Scheiß-Flugzeugträgers zu garantieren, zumal er gleich gegen die Küstenfelsen Galiciens fahren und an diesen zerschellen wird; und aus diesem Grund müssen wir darauf beharren und möchten Ihnen die Kursänderung nochmals ans Herz legen, weil es das Beste, das Gesündeste und das Klügste für Sie und Ihre Leute ist, nämlich Ihren Kurs um 15 Grad nach Süden zu ändern, um eine Kollision zu vermeiden. Ende!   -     Keinen weiterer Funkkontakt

Domingo 15.3.2026

Wer hier wandern will, kann entweder in den Süden gehen, Richtung Afrika oder in den Norden, Finnland wäre eine weitere Herausforderung. Ostwärts muss man erstmal über den See gelangen, südwärts kommt man ins Cannobinatal, Wanderweg setzten da erst spät ein und die Straße ist befahren und schmal.
So beschließe ich als Angestellter des KUNSTRAUMS Reusten sur Mer den Stipendiaten maximal 4 kleinere Wanderungen vorzuschlagen und mindestens zwei zu absolvieren. Da sich alle in Höhenlage am See entlanghangeln, findet man viele reizende Häuser, große Villen oder missratene Feriendomizile.
Eines davon hatten Oma und Opa in den frühen Siebzigern gebaut und gehört heute zwei anderen Familien. A. Steig und ich machten einen kurzen Abstecher dahin. Die Atmosphäre der Nebensaison war deutlich zu spüren, kein Mensch auf der Straße, kein Auto vor den Häusern, kalte Zimmer soweit das Auge reicht. Ich fragte mich, wie man solche Orte beleben könnte, wie sie auch mich berühren würden, wie sie ganzjährig Leben ausstrahlen wollen. Sie wollen nicht und mir viel auch nichts ein. Der Weg zu einem Café war zu weit, Menschen gab es scheinbar keine und mit Kastanienbäumen Zwiesprache halten will geübt sein. Die traurige Atmosphäre dieser feudalen Bauten machte mich allein vom Durchlaufen einsam. 26 Wochen leben, 26 Wochen tot, schlechte Bilanz. Damals vor mehr als 50 Jahren gab es eine Frau Büttner. Sie verkaufte ihr Haus am Hang und kaufte dafür ein kleines Häuschen mit Seeblick in Cannobio. So hatte sie zumindest das ganze Jahr Menschen um sich, Cafés an der Seite und Einkaufsmöglichkeiten. Allerdings die +-8 Mio Sommergäste (nicht geprüft) mussten auch erstmal von den 5000 Ganzjahresbewohnern der Stadt weggesteckt werden.


Sabato 14.3.2026

Zur linken geht die Sonne auf, schon wieder wird der aufmerksame Leser denken. Würde ich mich aber auf den gegenüberstehenden Stuhl setzen, würde die Sonne zur Rechten aufgehen. Ein Phänomen, dass sich bei genauerer Betrachtung auflösen würde, bei ungenauer Betrachtung nicht. Ähnlich ist es mit braunen Rehaugen.
So sitze ich hier am Fenster, schaue raus, sehe den Lago. Die italienischen Fenster sind sehr durchsichtig , ich würde sogar sagen, mindestens genauso durchsichtig wie die in Deutschland. Mann, Frau und Andere mit Sehorganen sehen durch diese Scheiben vieles, was sich auf der anderen Seite des Fensters abspielt, was in meinem Fall sehr schön ist. Nicht durch alle Fenster sieht man allerdings schöne Dinge. Es gibt Fenster, da will man lieber nicht durchgucken, was aber im eigentlichen nichts mit dem Fenster zu tun hat sondern allenfalls etwas mit braunen Rehaugen zu tun hat.
So steigt die Sonne höher und höher, was ich in dieser Weise auch schon bei mir zuhause gesehen habe. Interessanterweise gibt es am Firmament einen Punkt, an dem dieser Vorgang wieder rückwärts verläuft, die Sonne senkt sich wieder, zumindest hier in Italien und heute.
Wenn es bewölkt ist, kann man diesem Naturschauspiel nicht beiwohnen - beiwohnen schon, aber man sieht halt Wolken - ganz gleich, welche Art von Fenster man hat. Wie schon im vorangegangenen Beispiel ist es aber nicht die Schuld des Fensters, sondern die der Wolken, wenn man überhaupt von Schuld reden kann, denn ich gehe davon aus, dass die Wolken derartiges nicht in böser Absicht machen, sondern eher der Sonne eine gewisse Privatsphäre einräumen wollen.
Wie würden sie sich fühlen, wenn sie von  (8,3 Milliarden : 2 ) 4,15 Milliarden Menschen 12 Stunden am Tag in Beobachtung stände - wie ein Reh mit braunen Augen?
Wie sie sehen, auch abgelegen bekommt ein deutscher Dichter und Denker vom Tagesgeschäft und den Nöten großer politischen Volksparteien maßgebendes mit

Venerdi  13.3.2026

Alexander Steig gehört unter anderem zu dem wundersamen Team des Kunstraums München. Also wenn sie gar nichts zu tun haben, gehen sie mal vorbei, auch wenn es in München ist. Letztes Jahr durfte ich dort das Kloster Schuerer für 6 Wochen betreiben. 

In dieser Zeit kam an der Seite gerade dieses A. Steigs ein renommierter Künstler in die Ausstellung. Nein, er kam für eine eigene Ausstellung nach München und wäre auch nie in die meinige gekommen, wenn da nicht sein jüngerer Freund tätig gewesen wäre. (https://www.youtube.com/watch?v=Os4EekxkWn0) Ein wenig gebeugt, schaute er alles mit seinen 85 Jahren genau an, las Titel und benahm sich unauffällig. Da ich wusste, dass er seine ganzen Schriftverkehr mit einer Schreibmaschine absolvierte, fragte ich ihn ob er mal ein Auge auf meine werfen könne. irgendetwas mit dem Farbband lief schief. Freudig ergriff er die Gelegenheit sich alle 10 Finger zu schwärzen, sie wären waschbar, so seine These. Sicherlich wurschtelten wir 30 Minuten daran rum, bis wir das Problem erkannten und ausmerzten.

Warum mir die Geschichte hier in Cannobio wieder aufploppt. Herr Steig ist ein großer Erzähler und ähnlich wie bei 1001 Nacht vergehen hier die Abende. Wie bei S. Frisch, den vorangegangenen Gast wird sich erinnert, es wird gefragt, es wird nachgeschlagen, es wird gewundert und gelacht.
Bis spät in den Schlaf verfolgen einen dann Figuren aus den Erzählungen, die man längst tot wähnte, oder zumindest begraben, begraben unter all dem Neuen, was seit Jahrzehnten über einen reinfällt, einen erfasst, einen glücklich macht.


Giovedi 12.3.2026

Farblich verschwinden See, Berge und der Himmel in einem grau/blauen Matsch.
Die Hafenpromenade ist leergefegt. Ich sitze an einem schweren Tisch, der gewöhnlich im Raum steht, ich habe ihn zum Fenster geschoben, so bekommt man das Gefühl halb im See zu verweilen, trocken und mit einem Wein an der Seite. Ich könnte mich auf den wunderbaren Balkon niederlassen aber dafür bräuchte ich zumindest einen Neoprenanzug. So zünde ich die Kerze an, und warte auf den Freund und Kollegen A. Steig, der pünktlich in Luino eintraf und jetzt sich den Weinen widmet, bevor es in einer Stunde weiter geht, zu mir, in unsere gemeinsame, temporären Herberge.
Heute bin ich auf der Suche nach einem Friseur gewesen. Ich sehe langsam nichts mehr, die Haare hängen am Kopf runter und wenn es regnet, ziehen sie sich bis zum Boden.
Erst gestern, als ich an der Bar einen Espresso nahm, ermahnte ich einen Italiener, von meinen Haaren runterzusteigen. Ihm war es mächtig peinlich, lud gleich ein zu einem Vinho frizzante. Es sollte nicht der Einzige bleiben. Wir lachten bald, umarmten uns und die ganze Welt, tanzten Sitarky. Die ganze Bar tanzte. Zum Ende kam noch die Chefin zu mir, mit tränen vor Freude in den Augen, ich solle doch jetzt jeden Abend kommen, dann müsste sie nicht mehr fegen, brach in schallendes Gelächter aus, schlug sich auf die Schenkel und mir auf die Schulter. Tatsächlich, meine Haare hatten gute Arbeit geleistet.
Also ich suchte einen Friseur und das ist nicht einfach, hier die BARBIERE; die körperbetont, kurz behaart, zackig, dir gleich alles abschneiden wollen - du siehst ja aus wie ein Mädchen - dann der alte Salon mit dem würdigen Meister darin, alles ein wenig angefressen aber blitzsauber - werfe ein Blick rein - der Mann ist eingenickt, eine kleine Pause, er hat es sicher verdient.
Solo donne - nur Frauen kommt auch nicht wirklich in Frage und dann da in zweiter Reihe ein Salon für jeden. Männer, Frauen und Hunde.
Ich näher mich diesem Geschäft, trete ein: Buongiorno, avrei bisogno di un taglio di capelli, avete ancora un appuntamento disponibile? Vier Frauen, zwei Männer und ein Hund schauen mich an, sie lächeln, auch der Hund. Wie geflüstert, fast gehaucht:
"Setzen sie sich, setzen sie sich nur,  machen sie es sich bequem, wir sind gleich da - für sie " Hinter mir geht die Schließanlage zu, die Rolläden bewegen sich nach unten....
....... è verde, qui in Italia quando è verde si può attraversare, una risata, I turisti hahahahahaha, 20 andere Fußgänger überqueren erheitert und kopfschüttelnd die Straße.

Martedi 10.3.2026

Montag, der Tag ist angebrochen, wir schreiben 6:11. Herr Frisch bringt mir ein Wasser mit Zitrone, das Deckenlicht tut seinen Arbeit, eingewickelt in die Decke hält sich der Stress in Grenzen.
Sicherlich, Kleinigkeiten, die den Zuhause gebliebenen nur in Grenzen fesseln aber sie geben den Rahmen wieder, in dem ich mich bewege und ist es nicht der Rahmen, der uns täglich in Höhen und Tiefen begleitet? 

Der eigene Rahmen? Die eigene Rahmung? Wahrscheinlich nicht, aber lassen wir´s.
Auf dem Balkon hört man nichts, ein Müllauto kommt, ein paar Fußgänger, Hunde mit Menschen an der Leine, plätschern an der Kaimauer. Es soll einer dieser wundersamen Morgende werden, in der die ersten Stunden einen völlig täuschen über den weiteren Verlauf. Wir trinken Tee, nehmen Sitzkissen auf den Balkon, residieren.

Nach und nach kommen andere Menschen an den Hafen, hier bedienstete der Stadt, Touristen mit Hunden, Handwerker, Gärtner, Lastwagenfahrer und wie abgesprochen holen sie ihre Maschinen raus.
Der LKW fährt seinen Kran aus und befördert 100 000 Holzbalken auf das Dach des Nachbarhauses, der Gärtner bläst ein Blatt Minuten lang nach vorne, während der Wind es wieder nach hinten schiebt, die städtischen Angestellten bohren mit einem Presslufthammer 100 Löcher für 25 neue Abfallbehälter, der Steinmetz schneidet gekonnt scheinbar den ganzen Platz in ein Steinpuzzle, Staub hängt in der Luft, ich rufe nach Simon, der gerade noch vor mir saß, er antwortet in unmittelbarer Nähe nur ich sehe ihn nicht, Hunde bellen, ein Kind weint, wie abgesprochen kommt es einem vor,  wie das experimentelle Kulturereignis eines durchgeknallten Kulturamtsleiters zur Eröffnung der Saison - Probe 1.  Ohne Zweifel stellt es eine Herausforderung für die Hörgewohnheiten dar, für die ersten Touristen der Stadt, auch wir entziehen uns diesen martialischen Tonfolgen, diesem Vorgeschmack auf die Hölle und schließen die Fenster.
Geschafft, nur leise dringt es durch die 3fach bescheibten Fenster.

Lunedi 9.3.2026

Schätzen sie Kleinigkeiten im Leben? Solche, die der Rede nicht Wert sind? Dem geschriebenen Wort zu gering?
Cannobio hat einen See. Um in diesem im März zu baden, muss man recht kälteressistent sein, was ich nicht bin. So gibt es Wanderwege, Tennisplätze, Sitzbänke, Minigolfanlagen und einen Fußballplatz. 

Ein kleines Stadion sogar, mit Flutlicht und Tribüne, Bar und Kunstrasen. Der Sonntag war schon in vollem Gange, die Marktstände wieder auf dem Heimweg und Herr Frisch und ich beschlossen unser Atelier zu verlassen. Ein wenig Bewegung sollte uns gut tun.
Wir schlenderten der Hafenpromenade entlang, betrachteten ein verliebtes Paar, schauten in die leergefegten Gläschen und zogen uns die Wollmütze tief ins Gesicht. 

Der Wind war ungastlich, kalt und von hinten. Ich hatte Herrn Frisch schon auf die Möglichkeit eines Stadionbesuchs hingewiesen und so wollten wir auch den Sonntag weiter begehen.
Zu unserem Glück, spielten auch ausgewachsene Männer Fußball. Natürlich ist auch der bloße Besuch eines Stadions ohne Spiel für kultivierte Menschen von Interesse, aber mit einem Fussballettkampf um einiges bewegender.
Cannobio gegen Valle de Cannobina.
Die einen in Rot, die anderen in Schwarz, ein Schiedsrichter in Gelb und sie machten ihre Aufgabe gut: Die Mannen aus dem Cannobinatal hatten mehr Ballbesitz, die Cannobianer waren technisch versierter, schneller. 

Herr Frisch ergriff Partei für die Roten, ich hatte Zuneigung für die Nummer 10 und die 7 in schwarz, der eine ein grandioser Trippler und zäher Hundling, der andere ein leichtfüßig, dunkelhäutiger Mittelfeldspieler, der einmal in Bewegung, kaum mehr zu stoppen war. Sie rannen sich alle die Seele aus dem Leib, bis auf die beiden Torwärter, die Standen eher rum und warfen sich gelegentlich auf den Boden.
Der Türriegel oder die Sperrkette, italienisch catenaccio, war hier längst kein Wert mehr, dagegen die vielmals gerühmte Theatralität, man denke nur an Carlo Goldonis „Der Diener zweier Herren“, Luigi Pirandellos „Sechs Personen suchen einen Autor“ oder Dario Fos „Bezahlt wird nicht" sah man dagegen auf dem Platz in höchster Perfektion.
Einem Menschen aus dem Ammertal muteten diese Schlachtgeräusche befremdlich an, auch wenn hier noch vor 40 Jahren zuhause gemetzgert wurde. Spieler wälzten sich, schrien in den höchsten Tönen, hielten sich Gemächt und Bein, nur um 1 Minute später wie frisch geölt nach vorne zu sprinten.
Meine deutsche Empörung machte sich breit, ich erhob mich und flüsterte leise ins Stadion "Schwalbenkönig" - Stille, das Fußballspiel war zum Erliegen gekommen, die Blicke klebten an mir wie Kaugummi, Zuschauer erhoben sich langsam, zu langsam um Gutes im Sinn zu haben. Schnell setzte ich mich wieder hin und das Spiel nahm seinen Fortgang. Wie weggeblasen schienen die Spannungen, kein Kaugummi war an mir zu sehen, auch Herr Frisch war offensichtlich vollkommen unberührt von dem Ereignis.

 Leicht blass genoss ich die Sonne im Gesicht, konzentrierte mich aufs Spiel, bewunderte den Siegtreffer von Cannobio. Schlusspfiff. Wir hatten gewonnen, keiner nahm vom mir Notiz, außer Herr Frisch, der mir zum Sieg gratulierte.
Als einer der letzten Gäste verließen wir das Stadion, kurz vor dem Ausgang stieß ich mit meinen roten Schuhen ausversehen einen Kieselstein an, er bewegte sich nach vorne, kullerte gegen die offenstehende Toilettentür und änderte seine Richtung um 90°, er verschwand im dunklen Raum. Ich dachte: Gol, fast gleichzeitig hörte ich einen Beobachter dieser Szene das Gleiche rufen: Gol. Wir lächelten uns zu, ein anderer klopfte mir auf die Schulter: Congratulazioni. Immer mehr umringten mich, skandierten Gesänge, erst ganz leise, dann immer lauter, warfen mich in die Luft,  jubelten, bekamen Tränen in die Augen, warfen mir Kusshände zu - bis Herr Frisch fragte, ob ich ewig hier stehen wollte, vor der Damentoilette.

Domingo 8.3.2026

Heute ist Markttag, die Sonne scheint, das Wasser funkelt, die Uhr zeigt 9:33. 

Unter uns essen blonde Menschen blonde Croissantes, dazu einen Orangesaft mit Cappucino. Gegenüber haben die Marktstände aufgeschlagen. 

Sie kommen in den Morgenstunden als unscheinbare Transporter und entfalten sich wie Schmetterling, die Flügel werden zu Dächern, die Kofferräume zu Lagerhallen, die Zwischenräume zu Präsentationsflächen. Der stetig lachende „Chinese“ neben dem in letzter Minute erschienen „Angolaner“. Die in den vorangegangen Tagen stetig arbeitslose  Bedienung muss sich sputen, sie bekommt Verstärkung, trotzdem gilt es für die Dürstenden und Hungernden Geduld zu üben, das Schauspiel der Flaneure lenkt sie ab. Exzesse gibt es keine. Taschendiebe schlafen noch, Käufer zaudern, Haute Couture war gestern, doch ganz gleich, das Leben nimmt seinen Lauf, tänzerisch bewegen sich Menschen durch Taschen und Hosen, durch Leder und Holz, wenige dickbeladen, viele graumeliert, manche lachend, andere leidend. 

Als kleines Kind war es ein Grauen, Menschen in Massen, Hunde auf Kopfhöhe, Gebrauchsgüter an jeder Ecke. Nur vor den Modellautoständen konnte ich verweilen aber wer wollte schon mit mir vor Modellautoständen stehen. So entließen mich meine Verantwortlichen zur Hafenmauer, zu den Fischern mit einem Eis, die Oma ins Café Sport und die Verwandten feilschten um Hühner und Lederwaren.  Eintracht stellte sich ein.
Und heute mischen sich unter ein bekanntes Szenarium zwei junge Frauen, sie sehen wenig, vielleicht gar nichts, sind blind. Sie Singen mit  Stimme Lieder von Gewinnern, von Verlierern, ziehen langsam durch die Reihen, eine Plastiktüte in der Hand, für die Opfer. Die weißblonden, cappucinoschlürfenden Zaungäste zögern - noch.

DIARIO
Sabato 7.3.2026

Eden Rock Gabicce Monte (Pesaro-Urbino) ist eine historische Abendlokal an der Adriaküste, die in den 1950er/60er Jahren als berühmter Nightclub/Dancing/Bar bekannt war und war in meiner Phantasie ein Abbild mit dem Eden Rock gewesen, von dem ich ihnen hier erzähle.
Ich habe damals gar nicht gelebt aber 1971 bin ich mit 6 Jahren oberhalb des Hauses zwischen meiner Oma in Nizzolino und St. Agatha umher geschlichen, ähnlich eines Hundes, irgendetwas wird sich schon finden lassen, riechen lassen, um die Zeit totzuschlagen, kleinzukriegen aber nicht jeder Tag ist eine Ernte tag.
Die Zeit lief voll und ich den Berg runter, als ich auf halbem Weg ein verrostetes Parktor traf.
Hallo sagte ich, während das Eisen sprachlos blieb.
Erst als ich es mit den kleinen, roten Schuhen anschubste, quietschte es -vielleicht vor Freude, wahrscheinlich weil es nicht geölt war.
Weit stand es offen, «Entra, ragazzino, entra" hat es nicht gesagt, aber irgendwie schien es mir zugeneigt, vielleicht war es auch nur der Umstand, dass es verbogen war. Zögerlich, so die Erinnerung, ging ich in die verwilderten Gartenanlagen, weit hinten stand ein merkwürdiges Haus, breite Treppe, viele Fenster, große Tür, schräges Dach.
Beim Näherkommen las ich EDEN ROCK. 

Es schien schon länger nicht mehr bewohnt, die Fenster waren eingeschlagen, die Tür stand einen Spalt offen, der Balkon zum See bröckelte. Ich war kein besonders mutiger Junge, aber Gelegenheiten machen Abenteurer. Schritt für Schritt näherte ich mich dem Eingang, schaute durch den Spalt, sah umgeworfene Möbel, Glasscherben, Staub, abgerissene Tapeten, zerbrochene Spiegel und aufgeschlitzte Sofas.
Ich ging  rein, stand vor einem verwachsenen Panoramablick auf den Lago, Pflanzen machten sich über die zerschlagene Bartheke her, aus dem aufgebrochenen Holzboden wuchsen kleine Bäume, die Toiletten waren abmontiert, nur als Ornament erstreckten sich über allem männliche und weibliche Figuren im Tanz. Für den ersten Besuch, war es genug, was ich gesehen hatte.
Es sollten noch viele folgen, in denen ich mich als Detektiv, Gangster, Barkeeper,...in ein Rollenspiel verlor, aber seine ureigene Geschichte habe ich dem Haus nie entrissen.
In den kommenden Jahren erfuhr ich manches, insbesondere eine Festnahme des Betreibers wegen Drogenschmugel an der Grenze, die auch ich damals 5-mal die Woche passierte.
Heute steht dort ein gesichtsloses Ferienwohnungsparadies mit dem Namen L´Eden Rock. Gerne hätte ich in diesen Tagen mehr zu diesem Ort herausgefunden.
Recherchen im Netzt führten zu nichts, Anfragen bei der Touristeninformation gingen ins Leere. Ein Weg wäre in St. Agatha die Alten zu befragen, die diesen Ort viele Mal passiert haben mussten, und wenn ich schon dabei gewesen wäre, sollte ich mich auch nach dem Pfarrer von 1971 in St. Agatha erkundigen, der Pfarrer mit dem schwarzen VW-Käfer.

Fr 6.3.2026

Beim Tragen meines Computers habe ich den vorangegangenen Text gelöscht. 

Für sie scheinbar kein Verlust, für mich eine Tragödie. Der erste Text, der so leicht und luftig wie ein Wattebausch war, dabei gleichermaßen tiefsinnig und humorvoll. Während ich ihn geradewohl den Flaneuren von unserem Balkon zurief, sie euphorisch lachten und sannen, uns Münzen hochwarfen und der Freund & Kollege Frisch sie mit seiner Wollmütze einkescherte, lief ich zur Hochform auf. Dichtete noch etwas dazu, ergänzte etwas, modulierte, mit der festen Absicht, alles danach in den Text einzufügen.

 Die Leute schrien vor Glück, trampelten, wollten Zugabe aber in bloßer Bescheidenheit vor dem Glück verneigten wir uns nur und zogen in die Privatgemächer zurück. Gerade in diesem Moment berührte ich beim Tragen den Bildschirm des Computers, meinen ersten Touchscreen und alles war verloren. Sofort rief ich bei DeepL-Übersetzung an, ob bei ihnen gerade ein Text in den Papierkorb wanderte, aber sie schienen für diese Anfrage keinen Sinn zu haben.
Jetzt sitze ich auf dem Balkon, lausche dem Presslufthammer, der Kreissäge und der Flex. Cannobio wird vorbereitet für den großen Ansturm. Unter mir werden die ersten Appetitive getrunken, Hunde schauen sich um, ein Kind weint und die Mutter verliert die Geduld: BASTA.

7.3.2026

Die Sonne macht sich schon warm, es dämmert, während auf der anderen Seeseite ein offizielles Autorennen stattfindet. 

Kleine, getunte Autos röhren hintereinander her, ihre Lichter erscheinen wie Glühwürmer in Eile, sie blinken da und blinken dort. Neben mir, vielleicht 50m entfernt ist die Hafenmauer. Als kleiner Junge saß ich darauf, schaute den Fischen und den Fischern zu, bis ich selbst mal eine Angel bekam. Es war eine eher brüchige Rute und so musste ich aufpassen, dass die dicken Hafenfische nicht meinen Köder fraßen, gefangen habe ich selten einen, dafür haben mir die anderen Angler oft Fische zugesteckt, die ich stolz unserer Oma überreichte und sie natürlich als die Eigenen angab. Wie ich später mitbekam, hat sie sie regelmäßig beim Nussbaum vergraben.

Wir wohnten 3km außerhalb von Cannobio. Der Ort war geprägt von großen, neuen Häusern, die den Traum von einem reichen Lebensabend verkörperten. Im Sommer war er voll von touristischem Leben. Die Häuser waren beliebt , sowohl von Familienmitgliedern als auch von Feriengästen. Sonntags zog sich immer eine endlose Autoschlange an der weiter unten liegenden Seestraße entlang, alle wollten zum Markt von Cannobio, und danach wieder zurück.
Unser Haus lag 50 m über dem See. Mein Opa (mein leiblichen Opa habe ich nie kennengelernt, man nannte ihn den schönen Willi. Nach dem Krieg war es für meine Oma nicht mehr möglich mit diesem "Fremden" zusammenleben) hatte es als einer der Ersten gebaut und sah sich schon als Immobilienmakler, was sicherlich von Erfolg gekrönt gewesen wäre, wenn er nicht plötzlich gestorben wäre. Ich erinnere mich eigentlich nur noch an die Tage, indem ich mit ihm am Morgen im Bett Rösti zum Frühstück gegessen habe. Ich glaube er mochte meine Brüder und mich.
Der plötzliche Tod warf meine Oma aus der Bahn. Es folgten Tabletten und Alkohol, dazu kam die Stille, der Herbst und der Winter, alles an der Seite des dunklen, verhangenen Sees. Es gibt Grenzen, was ein Mensch aushalten konnte. Finanziell war durch eine Fehlspekulation ein Großteil der Altersversorgung verloren gegangen, wenn auch Jahre danach durch meinen Vater ein kleiner Teil wieder zurückgefordert werden konnte. Die Einnahmen durch die Vermietung an Feriengäste waren gut aber reichten nur sehr spärlich übers Jahr, zumal ein großes Haus unterhalten werden musste. Hier in diese Welt kamen mein Bruder und ich Jahre nach dem Tod des Opas an. Ich 6 Jahre und mein Bruder 10 Jahre alt. Caroline Rieder, unserer Oma ging es mittlerweile besser, gut wäre übertrieben. Die Eltern ließen sich einvernehmlich scheiden und Christoph hatte Asthma, mit der medizinischen Auflage der Luftveränderung. Ein Abenteuer begann.

6.3.2026

Unser Haus hatte zwei Etagen mit jeweils 130m² Wohnfläche, die Balkone zogen sich der Breitseite entlang und der Garten war so steil, dass ihn kaum einer mähen wollte. Mit anderen Häusern hatten wir einen Privatstrand und Bruder Christoph schaffte den Weg vom Haus zum Strand durch einen Kastaniewald in 54 Sekunden, ich nicht. Meine Beine waren zu kurz und sicherlich war ich auch nicht so leichtfüsig. Dafür galt ich als Sonnenschein. Kuchenbecker unser Nachbar und Eigentümer der Firma PUKY/Kinderfahrzeuge, war der festen Überzeugung, wenn ich vorort war, schien die Sonne. Damals freute ich mich und lächelte verlegen, mit den kastanienbraunen Haaren.
Unser Haus hatte zwei Etagen mit jeweils 130m² Wohnfläche, die Balkone zogen sich der Breitseite entlang und der Garten war so steil, dass ihn kaum einer mähen wollte. Mit anderen Häusern hatten wir einen Privatstrand und Bruder Christoph schaffte den Weg vom Haus zum Strand durch einen Kastanienwald in 54 Sekunden, ich nicht. Meine Beine waren zu kurz und sicherlich war ich auch nicht so leichtfüßig. Dafür galt ich als Sonnenschein. Kuchenbecker unser Nachbar und Eigentümer der Firma PUKY/Kinderfahrzeuge, war der festen Überzeugung, wenn ich Vorort war, schien die Sonne. Damals freute ich mich und lächelte verlegen, mit den kastanienbraunen Haaren.
Überhaupt war mein größtes Anliegen Spielgefährten zu finden, neben meinem Bruder. So beobachte ich jede Neuankömmlinge und fragte lange im voraus, ob auch Kinder ankommen würden, die ich dann beim Eintreffen von weitem beobachtete. Der Wunsch Sommerfreunde zu finden, erfüllte sich nicht immer, oft waren sie sich selbst genug. Dann schaute ich von weitem zu oder konzentrierte mich auf andere Neuankömmlinge. Überhaupt stand ich oft daneben und beobachte das Treiben viele Monate meines Lebens, bis heute, was ich nicht beklagen darf, denn es war eine Entscheidung - nicht immer ausschließlich meine aber eine Entscheidung.
Ich stand aber auch im Mittelpunkt. In der trostarmen Zeit im Herbst und Winter nahmen mich abwechselnd der Briefträger in seiner Ape und der Pfarrer in seinem schwarzen VW Käfer hoch nach St Agatha, ein Bergdorf auf dem Monte Giove. Der Postillione hatte schwere Lackritzbonbons dabei, die er feilbot. Es trieb mir tränen in die Augen vor Schärfe und er lachte gutmütig. Der Pfarrer ließ mich während der Predigt unter den Altar verschwinden, danach gab es Spaghetti mit Butter, Salz und Pfeffer. Das Größte folgte im Anschluss. Es kamen Kinder und zögerlich, in Unkenntnis der Sprache, gab es Annäherungen, gemeinsames Spiel, Lachen, ein Fest.
Andere, dunkle Tage verbrachte ich mit meinem Bruder im Kastanienwald, bauten Burgen und Lager, spielten Filmszenen und fällten Bäume.
Es gab auch eine Schlucht, an deren Seite ein etwa 30cm breiter Weg entlangführte, den wir auf und ab gingen. 50 Jahre später suchte ich diesen Platz wieder auf. Ich konnte es nicht glauben.

6.3.2026

Meine Oma Emma Schürer geb. Kuon habe ich nie kennengelernt. In meiner Erinnerung war sie eine starke Frau, die zum Einen eine ungünstige Wahl in Sachen Lebenspartner getroffen hat und laut meines Vaters nach der von Ärzten verhuntsten zweiten Schwangerschaft schwer Nierenkrank war und nie mehr dieselbe. 

Sie war es auch, die irgendwann einen Dackel sich angeschafft hat und als der Chefeinkäufer der EVS, ihr Mann und mein Opa, gesagt hat: "Der Dackel kommt weg, oder ich gehe!", lapidar geantwortet hat: "Der Dackel bleibt". 

Gerne denke ich an sie und ein großes Portraits steht noch in meinem Bestand. Die eigentliche Oma war Caroline Rieder geborene Lehder. Eine schöne und eigenwillige Frau ihr ganzes Leben. In Erinnerung habe ich sie, wie sie in einem riesigen Sessel sitzt, lasziv eine Zigarette in den Händen hält, den Rauch nach oben bläßt, das blaue Rotweinglas zum Mund führt und einem Besucher widerspricht.
Auch blieb mir im Kopf, wie wir, mein Bruder und ich, aus dem hellblauen Schulbus von Locarno in Nizzolino ausstiegen, ich 6 Jahre und er 10 Jahre und unsere Oma mit lauter Stimme: HUuuhuuuu vom Balkon runterief. Wir mussten uns nur anschauen und ahnten, dass der Chianti ein Fest mit Oma gefeiert hatte.

 Oder Christoph, erinnerst du dich noch an die Liebesbekundungen von Lini? Ein halbdreckiger Spüllappen und die Gesichtswäsche? Die Nudeln, die bis zum Rand mit Salz vollgesogen waren aber die eidesstattliche Erklärung, wir sollen uns nicht so anstellen. Zugegeben es war die schwierigere Zeit, nach und nach wurde alles besser, bis es sehr gut war. Sie wohnte dann im Winter in der Nähe ihrer Kinder und Enkelkinder in Heilbronn. Mein Bruder Christoph war ihr da sehr nahe.

Im Frühjahr fuhr sie wieder nach Italien, machte den Garten, empfing die Feriengäste und war finanziell unabhängig. So hätte es weitergehen können, leider ertrank sie Kraft eines Hirnschlags im Lago Maggiore. Durch ein dämliches Testament, welches mein Stief Opa Carl verschuldet hat und die Lini nicht von Anfang an abgelehnt hat, nämlich die Bevorzugung der gemeinsamen Tochter Carla vor den Töchtern meiner Oma - meine Mutter, meine Tante - ging das Haus verloren, und damit das Einzige, was Lini nie wollte.
Drum denke jetzt, zur rechten Zeit, was zu ändern ist, das ändre heut
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Venerdi 6.3.2026
Der Himmel ist bedeckt wie Simon Frisch und ich. Der Himmel mit Wolken, wir mit einer Decke. Simon Frisch ist der erste Gast und schläft unmittelbar neben mir. Er schnarcht nicht, schreit nicht und ich aus so ein munterer Geselle, daneben "guter Liebhaber", Dozent der Bauhausuniversität und vieles mehr. Wie wir so daliegen, ich leicht erkältet, er im Pierre Cardin Schlafanzug, fachsimpeln wir, was wohl hinter dem hochgelegenen Fenster zu sehen ist. Es ist vergittert und man kann sehen, dass ein schmaler Gang zwischen unserem und dem gegenüberliegenden Haus verläuft. Behänd wie Äffchen steigt er auf einen Stuhl, streckt sich lang, über den massiven Schrank-mit der letzten Anstrengung erreicht er das Fenster und filmt mit seinem Smartphone nie gesehenes, unerwartetes, ein 20 Sekunden langes Meisterwerk der Filmgeschichte. Wir amüsierten uns prächtig, lachten, hielten uns die Bäuche, konnten nicht mehr. Stunde um Stunde kämpfen wir mit und für Kultur, suchen nach Ideen und folgen, nach Kontinuität und Brüchen. Ich krankheitshalber in den letzten Atemzügen liegend, Simon Frisch in seinem Pierre Cardin Schlafanzug und der gräuliche Morgen über allem, bilden den Rahmen für eine Sternstunde der Filmkunst. Für Einblicke in dieses Werk, wenden sie sich bitte direkt an Simon Frisch.

Mi 5.3.26

Gestern wollte ich ein Haus kaufen. Es gefiel mir irgendwie. Ich bin daran vorbeigelaufen und dachte: Das passt gar nicht zu mir, zu neu, klassisch modern, herausgeputzt und alles an seinem Platz aber seien wir ehrlich: Man darf auch mal etwas kaufen, was nicht zu einem passt, eine Verrücktheit begehen, anders sein, einfach mal überraschen, seine Frau, die Kinder, Freunde.ollen
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Stellen sie sich vor, wenn ich die Tür von diesem Haus aufmache und alle meine Lieben davor. Sie würden vom Glauben abfallen. Ich, leicht angeranzt, mit ungekämmtem Haar, Cordhose, Faltengesicht und zum endgültigen Überschnappen geht das riesige Garagentor auf, klassische Musik, gedämpftes Licht und zum Vorschein kommt: der rote Daccia Logan 1,5 MCV.
Hahahaha da würden sie lachen und sagen: das is doch wieder der danni, und wir würden uns in die Arme fallen, tanzen, den Kopf schütteln. Schnell wäre der Tisch gedeckt, Speisen aufgetragen, Weine entkorkt. Gegen 21°° würde ich den Liebsten zurufen, dass wars für mich, bleibt ihr noch, ich gehe nach oben, Zimmer findet ihr links und rechts. Leider fand ich keine Treppe, die nach oben ging. Ach ja, dieses Haus ist ja nur einstöckig, sagte ich laut, als ich zum 5 Mal an der Gesellschaft vorbei ging.
Alle lachten wieder und so setze ich mich eben hin.
Welch schöne Vorstellung aber es galt noch verschiedene Probleme zu lösen:
Eines war, dass das Haus gar nicht zum Verkauf stand, also ging ich gleich hin und klingelte. Pronto kam aus der Bang & Olufsen Sprechanlage und heißt so viel wie Ja Hallo.
Buongiorno, mi chiamo Schürer, D. Schürer, e vorrei comprare la vostra casa, solo per divertimento, per fare una sorpresa ai miei cari, per così dire.
Come, non l'ho capito bene.
Buongiorno, mi chiamo Schürer, D. Schürer, e vorrei comprare la vostra casa, solo per divertimento, per fare una sorpresa ai miei cari, per così dire.
Molto divertente, hahahah. La casa non è in vendita. Boungiorno!
Ok, ok, ho capito, ma se lo vendete, fate un passo al Bergcafe, ok?
Offensichtlich hatte er aufgelegt. Schnell schrieb ich noch den Sachverhalt auf eine Karte, mit besten Grüßen D. Schürer.
Ich kann mich auch von Vorhaben verabschieden, wenn es die Umstände wollen.

Mi 4.3.2026

In Cannobio schneit es. Nicht.
Die italienische Fahne weht im Wind, was sollte sie auch sonst tun, Spaghetti kochen kann sie nicht. Menschen laufen leicht eingefroren die Hafenpromenade entlang, Cannobio liegt in dieser Jahreszeit ab 14 Uhr im Schatten, Sonne gibt es auf der anderen Seite des Sees, dafür satt.
Unter mir laufen Hunde Schlittschuhe, manche graziler, andere plumper. Hier scheint es ein Nest davon zu geben, an den Zäunen hängen Schilder, die einen auffordern, auf Hunde zu warten. Als ob der Mensch nichts Besseres zu tun hätte, als auf Fuß lahme Hunde zu warten.
ATTENTI AI CANE in Französisch wohl so etwas wie: ATTENDS LES CHIENS.
Interessanterweise scheinen Dobermänner und Deutsche Schäferhunde besonders häufig von diesem Laster befallen zu sein, während auf den Straßen eher kleine, braune Pudel oder rumänische Flüchtlingsmischlinge zu sehen sind.
Als wir hier mit 6 Jahren durch die Dörfer strichen, kam es des Öfteren vor, dass uns aus dem Nichts ein riesiger Köter ansprang, glücklicherweise war ein Zaun oder eine Tür dazwischen. Der Puls schoss nach oben, knallte gegen den Mond und segelte langsam in unser kleines Herz zurück. Ein andermal stand ein schwarzgrauer Hund mitten auf unserem Weg, manche verzogen sich, wenn man so tat, als ob man einen Stein aufheben wollte. Dieser nicht. So gingen wir langsam zurück und nahmen einen anderen Weg, nur stand nach wenigen Minuten dieser Hund erneut da, fast bewegungslos, starrte er uns an.
Wir machten wieder kehrt und wartenden eine halbe Ewigkeit, gingen zurück zum ersten Weg, bewaffnet mit zwei Stöcken, langsam, Schritt für Schritt, nur keine Hast, nicht in den Hinterhalt geraten, gegenseitig Deckung geben - kein Hund, kein Gegner-
Helden waren geboren.
Heute, keine 54 Jahre später war ich wieder da, langsam schlenderte ich durch die enge Gasse, der Hund hatte aufgegeben – Feigling

Dienstag 3.3.26
Italien streikt. Nicht überall und immer aber partiell und aktuell. So müssen den Kollegen Frisch, Steig und Dressel alternativrouten aufgezeigt werden, abseits von Bus und Bahn um die letzten Kilometer von der sicheren Schweiz in das benachbarte Italien zu absolvieren.
Brissago eignet sich da Besten. Es ist die letzte Stadt in der Schweiz Richtung Cannobio und war schon nach dem italienischen Waffenstillstand mit den Alliierten am 8.9.1943 das Ziel von vielen tausend Flüchtlingen, in dem Fall andersherum, von Italien in die Schweiz. Sie hatten berechtigte Sorge um ihr Leben, da die Deutschen den abtrünnigen Partner des Hochverrats bezichtigten. 50 000 Zivilfüchtlinge nahm die Schweiz auf, darunter 20 000 Menschen jüdischen Glaubens, viele wurden aber auch abgewiesen, darunter 16 000 Visagesuche...„In moralischer Hinsicht bleibt das Problem der Nichtanerkennung der Judenverfolgung als Asylgrund und ihrer Rückweisung im Wissen um ihre akute Bedrohung an Leib und Leben dasselbe – unabhängig davon, ob es um einige tausend oder um 20.000 zurückgewiesene Juden ging.“(G. Spuhler). Der Bergier-Bericht ist da sicherlich für den interessierten Leser weiterführend.
Zurück zu Frisch, Steig und Dressel, die im Laufe der nächsten Tage nacheinander hier eintreffen sollen. Unser Vorschlag sollte pragmatisch, kostengünstig und den Hauch von Abenteuer verströmen.
Dieses waren die vorgeschlagenen Parameter: Leichtes Gepäck, 30 minütiger Versuch des Trampens, dann die 7,3km Distanz zwischen Brissago und Cannobio, der Seestraße entlang marschieren. Selbst sind wir diese viele Male 1971/1972 gelaufen, mein Bruder und ich um uns an der Grenze die weiße Luftschokolade von Rayon zu kaufen, balancierend auf der Straßenmauer, wir werden sehen, wie die Kameraden ankommen, denn heute ist der Himmel blau, die Sonne voll und auf der gegenüberliegenden Seeseite fährt der Italienisch/schweizer Zug Richtung Luino.


 Lunedi 2.3.2026
Der Nebel hat sich nicht gehoben, dafür regnet es jetzt.
Ein munteres Miteinander, während Möwen sich das Spektakel von den Pfählen im See anschauen.
Ein Auto fährt an der Uferpromenade vorbei, ein Ereignis. Wie abgesprochen fährt auf dem See ein graues Schnellboot, Guardia di Finanza  e Fronteira, wie vor 55 Jahren ein Spektakel.
Nie habe ich sie schnell fahren sehen, einschüchternd genug die geballte Kraft der zwei Rolls Royce Innenbordermotoren. Heute hängen zwei Mercury Außenborder dran, 2 x 300 PS, wahrscheinlich auch wirksam.
Während mich mit 5 Jahren dieses Wetter am Logo Maggiore zermürbte, weil es nicht aufhören wollte, ist es jetzt mehr Vergnügen. Sitze am Hafen, im ersten Stock einer Behausung, schaue auf den See, auf die wenigen Boote, die einer Aufgabe enthoben sind. Sie schaukeln, mal nach links und mal nach rechts, tun sie das nicht, stehen sie scheinbar still. Alle Stunde läuft ein Regenschirm vorbei, unter dem Fenster an der Uferpromenade, da wo sich im Sommer die Menschen bis zum Himmel stapeln.

Domingo 1.3.2026
Kaum sichtbar, dabei mitten auf der Wand.
Waren die anderen Deutschen wieder am Werk. Hauptsturmführers Hans Clemens, bekannt unter dem Spitznamen «Tiger von Rom und Como" kam zur Vergeltung aus Luino und gab sein Bestes. Er reüssierte nach dem Krieg als russischer Agent unter alten Kameraden in Deutschland, flog auf und kam dafür 1963 für 5 Jahre ins Gefängnis. Er starb eines natürlichen Todes 1978 in der Kurstadt Bad Kissingen. Geschichten die sich niemand wünscht, die zum Kotzen sind, wären sie über allem nicht so endlos traurig.
Ich werde mich morgen über die getöteten Partisanen erkundigen, über die kaum mehr als eine Zeile im weltweiten Netzt steht, denen nur ein altes Schild an einer alten Mauer das völlige Vergessen vorenthält...il popola di cannobio nel nome dell´ italia libera

Sabato 28.2.2026

Wann geht die Reise los?
Natürlich irgendwann bei der Ortsfindung, bei der Festlegung des Ziels, bei der verbindlichen Buchung aber das meine ich nicht.
Wann fühlt man die Reise?
Ich am Tag davor. Schaff ich das oder misslingt mir unterwegs die halbe Geschichte, vergessene Fahrkarte, verspäteter Zug, falsches Datum.
Um 5 Uhr bin ich aufgewacht, angezogen, letzte Sachen verräumt, dann mit Koffer und Rucksack auf meinen Weg gemacht, 30 Minuten über die Felder zu Ammertalbahn. Ich bin früh dran, sehe den Vorgängerzug von hinten, es ist frisch. Die Zürchverbindung klappt, sitze erstklassig, eine Frau erfragt meinen Kaffeewunsch, die Reise beginnt Teil 2.
Wo reise ich eigentlich hin? Was will ich da und warum?
In Zürich fehlt mein EC und ich darf mit dem IR nach Cadenazzo fahren, die schönere Strecke, durch die Städtchen und Berge um den Gotthard, zur Linken eine junge Lokomotivführerin, die mir berichtet, dass es eine Zuleitung mit Sand zu den Rädern gibt, falls sie durchdrehen aber alles hat seinen Preis, hier ist es Zeit. Eine Stunde später treffe ich in dem besagten Cadenazzo ein, den Zug nach Luino sehe ich von hinten. Ich warte und heißt reisen nicht auf Rätoromanisch warten?
Luino zeigt mir die Sonne und ein wildes Schauspiel von röhrenden Tourenwagen, während im Hintergrund der See glänzt, darauf mein Schiff nach Cannobio, von hinten.
Die Schlüsselübergabe zieht sich hinaus, die wartende Angestellte in Cannobio wird ungeduldig, wer kann es ihr verdenken? 3 Stunden später und sie reist nicht.
Zu guter Letzt auf dem Schiff, 5 andere Fahrgäste, ich und ein Hund. Nebensaison. Eine junge Frau mit schwarzen Haaren erwartet mich, fällt mir um den Hals, küsst mich. Ich erwehre mich dieser unbekannten Tradition, wir kämpfen, ringen uns zu Boden - Cannobio, Cannobio bitte alle aussteigen- war wohl kurz eingenickt und doch erwartet mich eine Frau mit roten Haaren und nur teilweise guter Laune. Sie zeigt mir die Wohnung, die ich von Bildern kenne, sie anscheinend nicht. Wir verabschieden uns-ich hab’s geschafft.